30.07.-05.08.2017 Das berüchtigte Kattegat

30.07.2017

Früh morgens heißt es Leinen los, wir haben uns um 06:00 an den beiden Brücken in Aalborg angemeldet und starten in einen der schönsten Sonnenaufgänge, die ich seit langem erlebt habe, das Farbspiel am Himmel ist unglaublich.

Die Durchfahrt durch die Brücken verläuft reibungslos und so sind wir nun auf dem letzten Teilstück des Limfjords unterwegs, mit dem Ziel „Hals“, dem Ausgang in die Ostsee oder genauer ins Kattegat.

Fabian übernimmt das Steuer und bringt uns sicher Richtung Ausgang des Fjords. Das Wetter zieht sich langsam etwas zu und hin und wieder tröpfelt es auch mal, bleibt aber an sich trocken. So genießen wir die Fahrt, die mehr an eine Kanalfahrt in Holland oder eine Flusstour auf dem Rhein erinnert und sich deutlich vom ersten Teil des Limfjords unterscheidet. Bis Aalborg sind wir über ausgedehnte Seengebiete mit Inseln und sich verzweigenden Fjordarmen gesegelt. Wir haben viele schöne Orte auf diesem Teilstück gesehen, sind uns aber auch sicher mindestens genau so viele verpasst zu haben, so dass wir bereits bei Ankunft in Aalborg für uns den Plan gefasst haben, noch einmal mit etwas mehr Zeit im Gepäck hierher zurück zu kommen. Auf dem Stück von Aalborg zum sog. Hals ist die Landschaft ebenfalls sehr schön, aber es fehlen genau diese Verzweigungen, Seen, Inseln und verwunschenen Ecken und Winkel – es geht halt immer geradeaus zum eigentlichen Ziel Ostsee.

Am Ausgang auf die Ostsee wird in den Revierbüchern vor Strom und je nach Windrichtung vor einer unangenehmen Kreuzsee gewarnt. Die Bedingungen sind aber gut. Der Wind ist schwach (2 – 3 Bft). Als wir den Ausgang erreichen setze ich noch im Schutze des Fjords das Großsegel, damit ich nicht in einer herumschubsenden Kreuzsee auf dem Vorschiff herumturnen muss. Bei dem Übergang in die Ostsee können wir dann nachvollziehen, was mit dem Hinweis gemeint ist. Selbst bei diesen moderaten Bedingungen, entsteht direkt an dem Ausgang eine kurze aus jeder Richtung kommende, sich überlagernde Welle. Mit einer Höhe von ca. 0,5 m ist sie zwar vollkommen harmlos aber die Hotze tanzt trotzdem hin und her, bis sich nach ca. 2 sm wieder ein einheitliches Wellenbild ergibt und die Schiffsbewegungen gleichmäßiger und angenehmer werden. Wir setzen noch kurz die Fock und halten Kurs Süd.

In meiner Kindheit, als ich mit meinem Bruder und meinen Eltern mit unserer Neptun 22, später einer Seamaster 31 auf der Ostsee unterwegs war, kann ich mich noch gut an die Wetterberichte über Funk erinnern, die wir jeden Morgen abgehört haben. Es gab dort immer zwei Gebiete, die sich in mein kindliches Gedächtnis als wahre Sturmgebiete eingeprägt haben. In den Berichten wurden gefühlt immer Sturmwarnungen ausgesprochen und es blies immer deutlich stärker als überall anders auf der Ostsee – das Kattegat und der Skagerak! Wahrscheinlich ist dies nicht durch klimatische Aufzeichnungen zu belegen, aber so ist seither mein Bild von dieser Region der Ostsee.

Nun bin ich tatsächlich im berüchtigten Kattegat und die See ist ruhig, der Wind mit ca. 3 Bft. angenehm.

Habe ich dem Kattegat Unrecht getan? Sind es einfach nur Erinnerungen eines kleinen Jungen der immer respektvoll, vielleicht sogar leicht ängstlich den Wetterberichten über Funk lauschte und sich ein Bild vom stürmischen, grauen und erbarmungslosen Kattegat gemacht hat?

Im Laufe des Tage sollte ich die Antwort darauf erhalten. Das Wetter ändert sich plötzlich. Immer mehr Wolken ziehen auf und es fängt an wie aus Kübeln zu regnen. Der Wind nimmt zu, auf beständige 7 Bft., die Sicht hingegen ab.

Die Welle ist steil und die Wellenfrequenz kurz, sehr kurz. Die Abstände sind so klein, dass die Hotze noch nicht einmal in ein Wellental passt, sie wird hin und her geworfen und stampft sich in den kurzen Wellentälern fest – da lobe ich mir doch die Nordseewelle. Der Regen fliegt waagerecht, die Regentropfen schmerzen im Gesicht und in den Augen, sobald ich einen Blick nach vorne wage. Groß und Fock habe ich inzwischen gerefft, die Böen zerren am Rigg und legen die Hotze immer wieder auf die Seite. Es pfeift und durch den Wind entsteht teilweise tosender Lärm in den Wanten und am Mast. Aber die Hotze läuft gut am Ruder, der Ruderdruck ist ausgewogen und sie bahnt sich sicher ihren Weg durch die Wellen. Ich schalte den Autopiloten ein, lasse von da an ihn die meiste Arbeit verrichten und setze mich in den trockenen und geschützten Bereich unter die Sprayhood. Nur bei dem regelmäßigen Rundumblick bekomme ich noch den vollen Winddruck und den Regen ungefiltert ab.

Fabian ist geschafft, aber wahrscheinlich eher wegen des frühen Aufstehens, als wegen der Wetterbedingungen. Er verschläft den Sturm, als wäre nichts gewesen – gesegnet sei, wer einen solchen Schlaf hat.

Julian geht es leider nicht so gut. Er versucht auch zu schlafen, was aber keine gute Idee ist und so muss ich mich nun auch noch um Schadensbegrenzung und Säuberung in Julians Kabine kümmern. Der Magen kommt mit den kurzen Ostseewellen scheinbar auch nicht so gut klar. Von nun an verbringt Julian die restliche Zeit lieber wieder an Deck – die Pütz wird zu seinem besten Freund.

Aufgrund der Wetterbedingungen und Julians Zustand ändern wir den Plan und steuern auf den näher gelegenen Hafen Bönnerup zu. Der Vorteil ist zusätzlich, dass er auf der Nordküste und somit im Windschatten liegt. ´Mit jeder Seemeile der Annäherung verbessern sich die Bedingungen und die Wellen werden angenehmer. Julian geht es auch wieder besser und als der Motor für die Hafeneinfahrt gestartet wird taucht auch Fabian wieder auf. Wir funken noch kurz den Hafenmeister an, der uns auch gleich einen Liegeplatz zuweist.

Frisch vertäut machen wir eine kurze Bestandsaufnahme. Ich meinte bereits auf der Überfahrt eine Beschädigung am Vorliek des Großsegels gesehen zu haben und eine genauere Untersuchung bestätigt dies leider. Drei Ösen an denen die Mastrutscher befestigt sind, sind eingerissen und müssen dringend repariert werden. Sie sind alle unterhalb des dritten Reffs, so dass ich mit dem kleinsten Tuch noch fahren könnte. Ansonsten ist alles heile geblieben. Der nächste Segelmacher ist nach einigen Recherchen in Grenaa, also muss die Reparatur noch etwas aufgeschoben werden und wir erkunden erst einmal Bönnerup. Es ist sehr schön hier und so entschließen wir spontan noch einen Tag zu bleiben und die Hotze Junior am nächsten Tag klar zu machen und die Gegend zu erkunden.

Am Abend lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren und erstellen gemeinsam einen Trailer über das berüchtigte Kattegat:

31.07.2017

Bönnerup will erkundet werden. Als erstes versuchen wir mal Benzin für den Außenborder zu bekommen. Aber die „Tankstelle“ im Dorf gehört zu einem Kaufladen und hat zwar das nötige Benzin aber es gibt keinen Kanister. Schade auch, aber wir haben ja noch ein Segel für die Hotze Junior, also wird das Rigg klar gemacht. Die Kinder legen ab und halsen durch den Hafen Richtung Ausfahrt.

Das Wetter ist sonnig und der Wind angenehm, aber wie sollte es im Kattegat auch anders sein, die Kinder haben gerade den Hafen verlassen, als dunkle Wolken auftauchen, die beiden erst einmal von oben nass werden und die Schauerböen mit der kleinen Hotze abwettern müssen. Ich begebe mich direkt zum Strand neben dem Hafen, vereinbart war, dass sie bei Problemen dort anlegen sollen. Als ich dort ankomme, sehe ich sie auch schon Richtung Ufer paddeln. Sie haben das Segel geborgen und rudern lieber zum Land. Ich entscheide mich kurzerhand ihnen ein Stück im Wasser entgegen zu gehen und Ihnen beim Anlanden zu helfen. Das Wasser ist hier lange flach und so kann ich Ihnen im Wasser ein ganzes Stück entgegen laufen und sie mit dem Boot an Land ziehen.

Auf dem Rückweg passiert es dann, ich trete in eine Scherbe, Muschel, ein Metallteil oder was auch immer. Aber es ist so scharf, dass es meine Ferse umgehend zerteilt. Es schmerzt, ich blute stark und ich ahne gleich, dass das unsere Urlaubspläne wohl noch mal umwerfen wird. Meine Spur vom Strand bis zum Schiff ist für jedermann gut zu sehen.

Nach einer ersten Säuberung durch meinen ausgebildeten Ersthelfer Fabian ist klar, da muss ich wohl mit zum Arzt. Die Wunde ist ca. 4-5 cm tief – na super. Über die 112 und einen medizinischen Notdienst wird alles soweit organisiert. Ich werde im KKH Grenaa angemeldet und soll mir ein Taxi rufen. So lerne ich das dänische Gesundheitswesen kennen und muss sagen, da können sich die Deutschen mal eine dicke Scheibe von abschneiden. Der Taxi-Fahrer schaltet bereits den Taxameter aus sobald wir das KKH-Gelände erreichen, fährt dann aber mit uns noch um einige Häuserblöcke bis zum Eingang. Anschließend geleitet er uns noch hinein und zeigt uns die Anmeldung.

Meine Ankunft wird schon erwartet, ich muss mich an einem Selbstbedienungsterminal kurz registrieren und ein paar Daten vervollständigen, dann spukt der Automat einen Zettel mit einer Wartenummer (900) aus.

Im Wartezimmer ist nichts los, wir sind die einzigen, aber der Monitor zeigt als letzten Patienten die Nummer 5 an. Das kann doch nicht sein, wir hatten ja mit Wartezeiten gerechnet aber so? Dann komme ich mal auf die Idee den Zettel umzudrehen und schon steht da die 006 🙂

Nach ein paar Minuten werden wir auch schon persönlich von der Ärztin aus dem Wartezimmer abgeholt. Sie öffnet unseren Verband, begutachtet die Wunde und erklärt mir, dass sie die Wunde nähen muss. Es folgt eine örtliche Betäubung, eine Wundreinigung, eine Tetanus-Impfung, zwei Nähte und ein neuer Verband. Dann wünscht Sie mir noch eine schöne Zeit in Dänemark und einen schönen Urlaub. Ich frage noch einmal ungläubig nach, ob sie noch Daten von mir bräuchte oder ob ich nicht noch was bezahlen müsste. Sie schaut etwas ungläubig zurück und erklärt mir, dass alles OK sei, Wahnsinn!

Der Taxifahrer hat netterweise auf uns gewartet und fährt uns wieder zurück zum Hafen. Er erklärt uns noch, dass ab 17:00 ein Nachttarif gilt und wir uns nicht wundern sollen, dass daher die Rückfahrt etwas teurer wird. Damit wir aber nicht mehr bezahlen müssen, macht er einfach, als wir den Preis für die Hinfahrt erreicht haben, mitten auf der Strecke den Taxameter aus. Unglaublich! Die Dänen werden mir immer sympathischer.

Aber auftreten und herumlaufen geht im Moment erst einmal nicht, geschweige denn Schwimmen gehen, SUP ausprobieren oder durch Wind und Welle segeln. Ich bin aktuell ziemlich eingeschränkt und wir müssen sehen, was wir noch so an Strecke schaffen bzw. wie wir den Urlaub nun gestalten.

01.08.2017 – 05.08.2017

Am nächsten Tag ist die Wetterprognose perfekt – Flaute, Sonne und perfektes Wetter für eine Überfahrt nach Grenaa. So können wir wenigstens die erzwungene Zeit der Untätigkeit nutzen und das Großsegel reparieren lassen. Fabian legt unter meiner Anleitung die Hotze alleine ab und fährt uns sicher aus dem Hafen. Die Überfahrt ist wie vorhergesagt ruhig und gespickt mit schönen Küstenabschnitten.

In Grenaa angekommen stelle ich  mich kurz hinters Steuer und wir legen gemeinsam an. Wir machen uns erst einmal ein Bild vom Hafen, er ist soweit ganz nett, aber ich stelle schnell fest, dass mein Aktionsradius nicht wirklich über die Hafengrenzen hinaus geht. Nach einiger Klärung bauen wir noch das Großsegel ab und es wird vom Segelmacher im Hafen abgeholt. Leider verstärkt der Segelmacher nicht wie vereinbart alle Ösen, sondern nur die nötigsten, dass sich das nicht mal rächen wird.

Die Tage vergehen ein wenig wie im Flug. Die Kinder gehen Einkaufen, fahren mit der Hotze Junior durch den Hafen und das vorgelagerte Becken, es pfeift aber zumeist mit 4 – 6 Bft, ansonsten spielen wir viel Quartett und Schach und wir vertreiben uns die Zeit mit unserem neuen Spielzeug IMovie und drehen einige Trailer über unsere bisherige Tour.

Der Wind dreht auf West, so dass er nun ablandig kommt und irgend einen undefinierten modrigen Gestank in den Hafen trägt. Nicht das die Gesamtsituation schon ausreichen würde, um einen Hafenkoller auszulösen.

 

Zwischendurch sprechen wir schon mal mit Danni ab, dass sie nicht wie geplant nach Arhuus kommen soll, sondern dass wir uns in Grenaa treffen werden. Bei den Wetterbedingungen mit täglichem Starkwind will ich die Überfahrt mit meinem Fuß nicht wagen. Am Freitag Abend 04.08. kommt Danni mit an Bord und stellt schnell fest, wir müssen schleunigst hier weg! Am nächsten Tag wird noch kurz eine Wäsche angeschmissen und dann soll es auch schon los gehen. Schnell mal eine Wäsche – das gestaltet sich aber etwas schwieriger. Die Maschine ist scheinbar zu voll und geht daher beim Schleudern immer wieder auf Störung – gibt aber in diesem Zustand auch die Tür nicht frei, so dass wir nicht an unsere Wäsche kommen. Nach unzähligen misslungenen Versuchen und einer Menge Geld, die wir immer wieder in den Schlund der Maschine schmeißen ist die Bordkasse geplündert und wir gehen mit klatschnasser Wäsche zurück an Bord. Ich bastle mal wieder Wäscheleinen im Salon und wir trocknen die Wäsche auf der Überfahrt, in dem wir die ganze Zeit über die Heizung laufen lassen und regelmäßig stoßlüften. Diesen Vorgang (Aufheizen und Stoßlüften) wiederholen wir während der Überfahrt etliche Male und am Ende ist die Wäsche doch noch trocken. Ursprünglich wollten wir nach Ebeltöft, aber der Wind bläst uns direkt nach Samsö – da wollten wir eh hin. Nach einer ruppigen Überfahrt legen wir uns abends in der Nordby Bugt vor Anker und genießen den Sonnenuntergang.

Wir testen zum ersten mal den Ankerwarner aus. Fabian und ich studieren die Bedienungsanleitung und Funktionsweise meines eingebauten GPS-Gerätes. Als Söhnke Roever in einem Seminar seinen Ankerwarner vorstellte und ein Foto vom Gerät zeigte, stellte ich verwundert fest, dass ich ja das gleiche an Bord habe. Nun will ich es wissen und bin begeistert, von nun an ankere ich nicht mehr ohne!

Damit verlassen wir nun endgültig das Kattegat und tauchen in die dänische Südsee ein! Es hat seinem Namen und meinen Kindheitserinnerungen alle Ehre gemacht, eine raue Schönheit!

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